Neurotische Arbeitsstörungen bei einer
Hausfrau
Helga Unruh (Name geändert) wird demnächst 50 Jahre alt. Sie ist Hausfrau. Bald wird ihr
erstes Enkelkind geboren, auf das sie sich eigentlich freut. Doch statt Freude liegt das
Leben nur wie ein Berg vor ihr: Ihr Mann erlitt kürzlich einen Arbeitsunfall, die
80jährige Mutter (im selben Haushalt) ist bettlägerig, und von ihrem eigenen Leben hat
sie nichts als Plackerei gehabt. Erst wenn die Tochter sie um Hilfe bittet, die Nachbarin
mit einer Bitte vorbeikommt oder die Mutter sie ruft, arbeitet Helga Unruh. Doch ihr
Leben hängt an ihr wie ein schweres Gewicht. Sie wird mit keiner Arbeit mehr fertig, ihr
eigener Haushalt ist ein Durcheinander, Wichtiges kann sie nicht von Unwichtigem trennen,
an sich selbst denkt sie zuletzt. In dieser Situation geht sie zum Psychoanalytiker.
Dieser diagnostiziert eine schwere Depression und neurotische Arbeitsstörungen.
Helga Unruh wird in der Tagesklinik Netphen im Sauerland behandelt. Dort beginnt sie
ihre Psychotherapie und lernt zugleich, ihr Leben so zu strukturieren, daß sie selbst
dabei im Mittelpunkt steht. Sie stellt sich einen Tagesplan auf, teilt ihre Kräfte ein,
macht bewußt Pausen. Der Psychoanalytiker Sebastian Krutzenbichler sagt dazu:
"Depressiv Arbeitsgestörte tun den ganzen Tag über etwas, aber sie haben am
Tagesende kein konkretes Arbeitsergebnis. Sie halten sich daher für schwach. In der
Therapie, z.B. beim therapeutischen Boxen, bei Holz- und Steinarbeiten, erfahren sie ihre
eigene Power."
In der Psychotherapie stellte sich heraus, daß Helga als älteste von vier Kindern
sehr früh Verantwortung für die Geschwister tragen mußte, die Mutter im Haushalt
entlasten mußte, und ihr eigenes Leben, ihr Spiel, ihre Freude am Dasein viel zu kurz
kamen. Auf Unabhängigkeitsbestrebungen reagierte die Mutter mit schweren Depressionen und
Kopfschmerzen - diese Konstellation steckte sozusagen bis zum Therapiebeginn in Frau
Unruh. Allmählich wird sie sich dieser alten Muster bewußt und lernt, die Freude am
eigenen Dasein zu finden. Damit einher geht auch das Verschwinden der Schuldgefühle. Sie
lernt, ihren Haushalt effizient zu führen und auf die Bitten anderer auch ablehnend zu
reagieren. Ihre Psychotherapie bestand in einer tiefenpsychologisch fundierten
Psychotherapie von 80 Stunden Dauer sowie eingangs weiteren stützenden Maßnahmen an der
Tagesklinik Netphen/Wittgenstein.
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